Sonntag, 15. Dezember 2013

08.12.2013 - Attat-Hospital, humanitäres Hilfsprojekt im Outback

Für einen Urlaub ist heute früh aufstehen angesagt. 07:30 Uhr soll es losgehen. Wir wollen heute ins Outback, wie der Australier sagen würde.
Selbstredend stehe ich pünktlich parat, wir besteigen den Jeep. Ursprünglich war in Vito als Transportmittel vorgesehen, den hat es aber eine Tage zuvor zerlegt, offensichtlich hat jemand ein Schlaglochübersehen. Hinten links ist der Stoßdämpfer gestaucht und dabei das komplette Stoßdämpfergehäuse geplatzt, was bedeutet, dass das Rad an seiner Aufhängung herumschlabbert und der Wagen sich regelrecht aufschaukelt. Damit ist der Vito für unsere Zwecke gar nicht zu gebrauchen. Der Jeep hat zwar auch Macken, tut es aber bei entsprechender Fahrweise recht gut. Dazu später mehr. Wie lautet der Auftrag heute?
Bitte fahren Sie zur Attat-Klinik und liefern Sie diverse Kisten ab.
Was sich so nüchtern liest hat natürlich eine Hintergrundgeschichte. Mit der Attat-Klinik handelt es sich um ein privates humanitäres Projekt der deutschen Soldaten der German Armed Forces Technical Advisory Group in Äthiopien. Wie der Kontakt nun genau zustande gekommen ist, weiß ich noch nicht genau, aber er besteht nun mal. Durch die Auflösung von Bundeswehr-Lazarettbeständen existiert Material, das an einem so entlegenen Ort wie Attat willkommen ist: Bettlaken, Handtücher, OP-Tücher usw.
Attat liegt 175km südwestlich von Addis Abeba, andere Hospitäler liegen 60 und 80 km entfernt, in die anderen Richtungen beträgt das Einzugsgebiet des Hospitals 100km bis 120 km, das Einzugsgebiet umfasst 1 Mio. Menschen. Bei der Entfernung benötigen die Menschen u.U. 3 – 4 Tage um die Klinik überhaupt zu erreichen.
Wir machen uns deshalb so früh auf den Weg, weil wir für die 175km etwa 3 Stunden brauchen werden, macht etwa 6 Stunden Fahrt, wenn wir uns dort noch etwas aufhalten wollen ist mit einer Rückkehr bei straffem Zeitplan nicht vor 16 Uhr zu rechnen, über’s Fahren im Dunkeln habe ich weiter oben schon eingehend geschrieben.
Es ist Samstag, für Äthiopier ein völlig normaler Arbeitstag, deshalb ist auch heute mit dem üblichen Verkehr zu rechnen. Wir – Frank, Asni und ich –haben Glück und lassen Addis Abeba zügig hinter uns. Es herrscht hektisches Treiben auf den Straßen, viele viele Fußgänger, Pferdefuhrwerke, Esel, Minibusse, Linienbusse und was sich sonst noch bewegen kann, bewegt sich entlang der Straße. Bald wird auch das Gewühl weniger, die Gegend sieht nicht so strapaziert aus wie Richtung Norden. Wir passieren einige Industrie-Standorte wie zum Beispiel eine Cotton Spinnery. Bald wird es ländlicher. Die Bevölkerung wirkt hier geschäftiger als im Norden, hier wird die Landwirtschaft intensiver betrieben als im Norden. Aber nix Maschinen, alles Handarbeit!! Teff-Felder, Hirse, Viehwirtschaft mit ein paar Rindern, Schafen oder Ziegen. Transporte mit Pferdefuhrwerken oder vollbepackten Eseln sind auch mögliche Einnahmequellen für die Bauern. So geht es zügig durch die Landschaft mit knapp 100 kmh auf der gut ausgebauten Straße. Es gibt wenig Schwerverkehr, vielleicht ist die Straße deshalb nicht so in Mitleidenschaft wie andere. Kurz hinter Addis Abeba laufen einige Sportler auf der Straße mit sehr gutem Sportschuhwerk und entsprechender Sportkleidung. Am Rand von Addis Abeba in südwestlicher Richtung liegt u.a. das Trainigszentrum der äthiopischen Marathonläufer die in aller welt große Erfolge erzielen und fast jeden internationalen Marathon gewinnen. So flott wie die Jungs und Mädels unterwegs sind… Es sieht so leicht und elegant aus. Frank muss aufpassen, dass es nicht eines der Begleitfahrzeuge übersieht, die immer wieder unversehens am Rand stoppen.  Sie verteilen Stärkung, geben Trainingsanweisungen etc. Auch der Spuk hört bald auf und wir können uns auf die Landschaft konzentrieren. Auf Höhen zwischen 2100 und 2350 m liegt eine recht flache Landschaft, immer wieder tauchen die äthiopisch-traditionellen Rundhäuser aus Holzgerüst-Lehm-Konstruktion mit Strohdach auf. Sie sind meist eingebettet in einem Schutz aus Eukalyptusbäumen, aber auch andere Baumarten sind hier anzutreffen. Die Bauern haben für äthiopische Verhältnisse ansehnliche Grundstücke, auf denen Mensch und Vieh zusammen leben. Je nach Gehöft befinden sich ein oder mehrere Arbeitshäuser oder Lagerhäuser auf dem Grund. Es macht Spass diese zu entdecken und anzuschauen. Ab und zu kommen wir in kleinere Orte. Hier und da ein Hotel, ansonsten wieder diese kleinen Shops an der Hauptstraße Mit Beginn der Dörfer nimmt die Menschenmenge rasch zu und Richtung Dorfmitte türmt sich das Ganze regelmäßig zu einem Chaos auf: Menschen zu Fuß, irgendwelches Viehzeugs wie Rinder, Schafe, Esel, Pferde oder Ziegen, Bajajs, Minibusse, Linienbusse, LKW, die Isuzu-Laster, hier El Kaida-Transporter genannt, weil sie überdurchschnittlich häufig durch Kamikaze-Fahrweise und Unfälle auffallen. Inmitten des Chaos dann gleich noch Polizeikontrolle oder irgendetwas anderes. Sobald das Dorf vorbei ist können wir wieder ruhig dahinfahren – bis zum nächsten Dorf.
Irgendwann gelangen wir nach Wolkite, Frank kündigt an, dass wir gleich links ab müssen. Dem ist auch so. Auf meiner Karte ist die Straße die wir nun verfolgen nicht mehr rot und dick sondern schmal und weiß gezeichnet. Nach dem was ich bisher so gesehen habe sind solche Straßen in nicht so gutem Zustand. Allerdings übertrifft das was wir vorfinden, die kühnsten Befürchtungen. Die Straße befindet sich im Bau. Und wie es sich für ein chaotisches Land wie Äthiopien gehört, wird nicht Abschnittsweise gearbeitet und dem fließenden Verkehr der Vorrang eingeräumt, nein: Die komplette Straße wird gemacht. Gleichzeitig darf der Verkehr ruhig die Straße, die ja nun keine mehr ist, benutzen. Eine Umleitung gibt es nicht, sie würde mehrere hundert km betragen. Dort, wo es zu gefährlich ist, haben die Bauarbeiter ein Einsehen und stellen vielleicht Absperrungen da hin. Dann ist die Straße da halt eng. Nun darf man nicht erwarten, dass der Verkehr dort evtl. vielleicht mit einer Ampel oder mit Schildern oder vielleicht sogar von Fähnchen schwenkenden Bauarbeitern geregelt wird. Vergeßt es, der Stärkere gewinnt. Die ganze Baustelle ist ein einziges, staubiges Geröllfeld und zieht sich etwa 14 km durch ein Tal, hier runter, auf der anderen Seite wieder hoch. In der Ferne sind wiesen, Bäume und die mittlerweile vertrauten Rundhäuser zu sehen, sie bekommen von dem Staub nichts mit. LKW und Busse brettern hier mit 40 – 50 km/h entlang und wirbeln so viel Staub auf dass die Sicht teilweise völlig behindert ist. Will man langsamere Verkehrsteilnehmer überholen dann muss man sich auf ein Himmelfahrtskommando einlassen, Keine Sicht wegen Staub, keine Übersicht weil die Straße eh nicht gerade verläuft und man weiß auch nicht, ob der überholte vielleicht gerade einem Schlagloch oder Stein ausweichen muss oder man selber unvermittelt vor einem Schlagloch oder Stein ausweichen oder bremsen muß. Meist geht es gut. Die Strecke ist eine Tortur für jeden Reifen und jedes Fahrwerk, der Staub eine Herausforderung an den Luftfilter. Nach einigen Kilometern sehe ich wie vor dem Auto vor uns jede Menge Bewegung stattfindet. Eben wegen dem Staub kann ich zunächst nicht genau sehen was es ist, plötzlich erkenne ich es: Ein Rudel Paviane!! Wir haben Glück und die Affen bleiben stehen, wir auch, wir können die Affen aus einer Entfernung von etwa 6 m betrachten, ich fotografiere natürlich was das Zeug hält. Ein tolles Erlebnis. Weiter geht es über die Steine, Geröll, durch die nicht enden wollende Baustelle. Sehe ich richtig? Kommt dort das Ende der Baustelle, ist dort hinten tatsächlich ein Asphaltband zu sehen? Hurra, endlich Ende, es geht gleich wieder normal voran. Wir befinden uns wieder auf einer normalen Straße. Aber dann: Zu früh gefreut: nach doch schon 300m Genuss einer normalen Straße führt und ein Schild rechts ab: Attat-Hospital. Und diese Straße ist eben die Zubringer-Straße zu dem Dorf, so eine Straße wird nicht asphaltiert, die ist nicht ganz so steinig wie die Baustelle aber hat durchaus ihre unangenehmen Schlaglöcher. Nach 3 km erreichen wir das Dorf Attat und am Ende die Einfahrt zum Hospital.
Wir werden sehr herzlich empfangen. Das Angebot, das Hospital zu besichtigen, nehme ich gerne an. Ich möchte einen Eindruck gewinnen, was man da in der Pampa stemmen kann. Zuvor beglücken wir Schwester Rita mit unseren Mitbringseln, die, wie sie und versichert dringend benötigt werden. Da bis zum vorgesehenen gemeinsamen Mittag noch eine Weile Zeit ist, nutzen wir die Zeit für den Rundgang.
Das Attat Hospital ist ein Pimary Hospital. In Äthiopien gibt es unterschiedliche Klassen von Hospitälern, beginnend mit den Primary Hospitals über medium Clinic, higher Clinic und dazwischen und darüberliegenden Klassen. Die Kliniken dürfen sich so bezeichnen wenn die Ausstattung und das Personal entsprechend den Vorschriften vorhanden ist. Somit kann jeder für sich entscheiden wie er behandelt werden möchte, muss dann aber auch die entsprechenden Kosten tragen. Für Attat ist es allerdings wichtig ein Primary Hospital zu sein und zu bleiben, sie wollen für die weniger vermögenden Landbevölkerung, eben jedermann da sein und dürfen deshalb nicht den Blick auf die Kosten verlieren. Es gibt kaum Ärzte, Schwestern erhalten eine Zusatzausbildung so dass OP’s durchgeführt werden können. Alles ist extrem einfach gehalten und wird so lange wie irgend möglich verwendet. Sauberkeit und Hygiene steht an oberster Stelle. Ästhetik an letzter Stelle.
Die Krankensäle sind voll, überall wo es möglich ist, steht ein Bett. Heute st Besuchstag, an jedem Bett befinden sich noch 1 – 4 Angehörige. Am meisten werden stationär Geburten durchgeführt, Risikogeburten, Kaiserschnitte, gefolgt von Malaria und Tuberkulose-Fällen. Dann geht es quer durch die Bank: Ein Kind mit Verbrennungen 3. Grades ist dabei, es ist ungewiß, ob es überlebt; Eine Frau hat eine Augenverletzung nicht rechtzeitig behandeln lassen, nun mußte das Auge entfernt werden, einem Kind wurde von einer Hyäne der halbe Kopf weggebissen, in einer Risikogeburt kam ein Kind zur Welt, das nur einen halben Kopf hat und eigentlich nicht lebensfähig ist. Es atmet aber, wie lange noch ist ungewiß. Morgen wird es entlassen, wenn es dann noch atmet, hier kann man nicht mehr viel dafür tun. Bettlaken sind in der Tat Mangelware, Frank stellt für den nächsten Besuch vielleicht Kopfkissen aus Bundeswehrkrankenhausbeständen in Aussicht. Weiter geht es durch das Krankenhaus: OP-Säle, Desinfektion, Sterilisation, Apotheke, Laboratorium, Verwaltung, Notaufnahme, Notstromaggregate, Wäscherei. In der Wäscherei zum Beispiel tut eine Waschmaschine ihren Dienst, die bei der Eröffnung des Krankenhauses vor 45 Jahren bereits als gebrauchte Maschine dort installiert wurde. Mittlerweise stehen auch neue Maschinen dort, aber die alte Maschine ist immer noch gut dabei…. Täglich werden um die 250 Fälle vorstellig, die meisten kurativ mit irgendwelchen Infekten, nur einige werden stationär aufgenommen. Da die Kranken seltenst allein kommen tummeln sich täglich durchaus 800 bis 1000 Menschen im Wartesaal, nicht anderes als ein überdachter Platz mit Bänken und Tischen. Auf dem Weg durch die Gänge bleibt Schwester Rita plötzlich stehen. Es geht um die dringensten Dinge die das Krankenhaus benötigt, Dinge, die für den Betrieb vorteilhaft wären. Sie spricht an dass das Krankenhaus keine Telefonanlage besitzt, keine Möglichkeit besitzt, wichtige Leute sehr kurzfristig anzusprechen. Immer wieder passiert es, dass Leute, die hier dringend benötigt werden, nach dort geschickt werden müssen um jemanden zu holen und den Jemand dort nicht antreffen. So wird viel Zeit vergeudet. Wir sammeln schnell die Anforderungen: Das System muß Notstrombetriebsfähig sein, die Stromversorgung fällt alle Nas lang aus, die Anlage darf gerne 100 Nebenstellen haben, sie muß einfach sein. Wünschenswert wäre auch eine Pieper-Ausstattung oder mobile Stationen um für einige Leute Beweglichkeit sicherstellen zu können. Ich sage zu, dass ich mich nach meiner Rückkehr umhören will – mein Beruf und mein Arbeitgeber bietet ja schließlich genügend Ansatzpunkte. Frank würde alle Transportprobleme über die Bundeswehr regeln, und ich könnten beim Aufbau helfen. Der Beginn eines Hilfsprojekts? Vielleicht können wir etwas erreichen? Natürlich wüßte Schwester Rita gerne Zeithorizonte, aber wir haben die Idee ja eben erst geboren, nun benötigt es Gespräche und Kontakte.
Wir gehen zum gemeinsamen Mittagessen über, Injera und eine Vielzahl von Beilagen, die man durchaus auch ohne den üblichen Teig zu sich nehmen kann. Außerdem eine Kaffeezeremonie, sehr angenehm und wohlschmeckend. Beim Essen kommen wir schnell ins Gespräch über das Hospital, die Arbeit, die Beweggründe der Einzelnen hier zu sein und über Gott und die Welt. Deutsch, Englisch, Amharisch – hier trifft sich alles.
Wir brechen zur Rückfahrt auf. Wir wollen in Kontakt bleiben und sehen, ob wir etwas tun können.
Es bleibt uns nicht erspart, wieder die 14 km Baustelle zurück fahren zu müssen. Es holpert, rumpelt, rattert, hoppelt, staubt, klappert, ächzt, stöhnt bis uns die Zivilisation wieder hat und wir die 150 km bis Addis Abeba auf der asphaltierten Landstraße einigermaßen bequem zurück legen können. Wieder Chaos in den Ortschaften abwechselnd mit weitem Land. Ich könnte noch die Schnittblumengewächshauslandschaften erwähnen, die zwischendurch zu sehen sind. Mitten auf dem Land. Keine Ahnung, wo die arbeitenden Menschen herkommen sollen. Vielleicht hat der Arbeitgeber auch einen eigenen Busshuttle eingerichtet? Man weiß es nicht. Hier und da wieder die Wasserstellen, zu denen die Menschen hin müssen, wenn sie frisches Wasser haben wollen. Am späten Nachmittag treffen wir wieder zu Hause ein, ein aufregender, erkenntnisreicher, eindrucksvoller Tag geht zu Ende. Frank und ich trinken noch eins, ursprünglich wollten wir noch mal los und das Nachtleben erkunden aber uns ist beiden nicht danach. Wir lassen den Tag lieber Revue passieren – zu eindrucksvoll ist die Tatsache, wie mit einem Budget von gerade mal 630.000€ im Jahr und viel Idealismus, Gottvertrauen und Liebe ein lebendiges Beispiel praktizierter Nächstenliebe und effektiver Hilfe ohne viel Aufsehens geleistet wird. Bisher der absolute Höhepunkt meiner Reise!!

07.12.2013 - Ruhetag

Unversehens wird dieser Tag auch zu einem Ruhetag. Lesen, Filme schauen, ausruhen. Das eigentlich für den heutigen Tag vorgesehene Programm wird auf Sonntag verschoben. Einziger wirklich interessanter Höhepunkt: Marschbefehl für Samstag: 07:30 Uhr

Freitag, 13. Dezember 2013

Sorry, Netzprobleme

wegen riesiger Netzprobleme konnte ich in den letzten Tagen den Blog nicht weiterschreiben. Das Anmelden an Facebook z. B.  hat allein 12 Minuten gedauert. Da ist mir meine Urlaubszeit zu schade für. Nun sind die Probleme behoben, ich fliege in etwa 6 Stunden. Das passt nun zeitlich leider nicht, ich verspreche aber, dass ich zu Hause so schnell wie möglich die restlichen Tage nachtragen werde. Das werde ich voraussichtlich noch am Sonntag erledigt haben. 

Freitag, 6. Dezember 2013

5.12.2013 - Fiche und Debre Libanos


Noch gestern haben Frank und ich uns verabredet, früh aufzustehen und loszufahren. Frank hat dienstlich in Fiche zu tun. Fiche ist ein kleiner Ort nördlich von Addis Abeba, dort sitzt eine äthiopische Pioniereinheit. Sie soll mit den deutschen zusammenarbeiten und dort auf dem Gelände ein Trainingscamp gestatten und unterstützen.
Um kurz vor 7 starten wir, wieder die Strecke an der Müllkippe vorbei, aber diesmal auf der Ringautobahn weiter rum um Addis Abeba. Wir wählen die Ausfallstrecke nach Norden. Die Straße führt in Serpentinen den Berg hoch über einen Pass und auf der anderen Seite etwas weniger kurvig wieder runter. Die Straße ist durch etliche Schlaglöcher schon ziemlich kaputt. In Bezug auf Schlaglöcher müssen wird die deutschen Maßstäbe ad acta legen, Hier passen LKW Reifen in die –Schlaglöcher oder der Unterbau der Straße – spitze Steine – lugen hervor. Es ist überhaupt kein Problem sich hier einen Platten oder gar einen Achsenbruch zu holen und ich verstehe Frank, der klar zu verstehen gibt, dass er Nachtfahrten zu vermeiden sucht. Je weiter wir von Addis Abeba weg kommen ums seltener werden sie Schlaglöcher, später liegt eine ganz passable Landstraße vor und, die sich gemütlich durch die Landschaft schlängelt. Die Landschaft? Nachdem wir die Smogverhangene Stadt hinter uns gelassen haben, wird die Luft zwar klarer aber das Landschaftsbild deswegen nicht schöner. Wie schon beim Ausflug nach Holetsa festgestellt sind die ersten Kilometer stadtauswärts durch die Nähe zur Hauptstadt geprägt. Es ist karg, die Bäume fehlen, Gräser und Stauden haben irgendwie auch kaum eine Chance. Es fühlt sich noch überstrapaziert an. Je weiter wir nach Norden kommen umso kleiner werden die Dörfer, umso ländlicher wird die Gegend, umso weniger ist die Landschaft strapaziert. Die Leute, die dort wohnen haben nicht viel. Deshalb gehen viele weite Strecken zu Fuß. Gegebenenfalls helfen Pferd oder Esel beim Transport von Lasten. Manchmal eben auch nicht. Den Leuten ist die beschwerliche Arbeit ohne Hilfsmittel immer mehr anzusehen. Die Arbeit fängt schon als Kinder an, sie hüten das Vieh. Je älter sie werden desto mehr müssen sie bei der Arbeit ran. Jungs wie Mädchen, die Frauen sowieso.
Der „Baustil“ ändert sich. In Addis Abeba stehen Steinhäuser und Wellblechhütten. weiter draußen kleine Steinhäuser und Wellblechhütten. Je weiter man raus kommt, desto häufiger sehen wir die typischen, Lehm-Rundhütten und Hütten, die ebenso mit Lehm gebaut, aber eckig sind. Vor vielen Häusern liegen die getrockneten Kuhfladen, die zum einen zum „verputzen“ oder aber zum anderen als Brennstoff eignen. Zunächst ist die Landschaft noch sanft hügelig, später kommen ein paar mehr Berge in der Ferne dazu. In den Dörfern herrscht reges Treiben, es gibt immer ein paar Shops, Baumaterialien werden angepriesen, hier und da ein kleines Hotel. Bei den Shops kommt mir wieder der Gedanke: Orientieren sich diese Shops eigentlich an dem Bedarf ihrer potentiellen Kunden oder verkaufen die das, was sie zum Verkaufen bekommen können? Neben Lebensmitteln sieht man nämlich allerlei Billigplunder und völlig unbrauchbaren Nippes, ich kann gar nicht verstehen, was die bäuerliche Bevölkerung mit so einem Scheiß eigentlich anfangen will. Nach etlichen Kilometern erreichen wir Debre Libanos, ich würde eigentlich gern das Kloster mal sehen, sehr alt mit über 500 Mönchen. Aber ich darf nicht vergessen, wir sind ja dienstlich unterwegs. 10 km weiter kommt Fiche. Wie oben schon erwähnt ist dort am Ortseingang ein Pionierlager, Frank hat den Auftrag, dort ein Trainingscamp einzurichten, es wird auf einer Teilfläche des Pionierlagers errichtet. Das Lager ist ziemlich groß, hier und da steht eine Baracke. Frank ist sichtlich ungehalten weil seit dem letzten Besuch dort so rein gar nichts passiert ist. Also fragen wir uns mit Hilfe des äthiopischen Architekten und Bauleiters zum technisch zuständigen Leiter durch. Es gibt afrikanisch-typisch 1000 Gründe, warum noch nichts passiert ist. Hauptgrund ist wohl der elektrische Anschluss. Also ab ins Auto und persönlich zum E-Werk, den Standortmanager besucht, kleine Verträge ausgehandelt, jetzt ist alles eine Sache der Bezahlung, die von deutscher Seite kein Problem darstellt. Am Dienstag will frank das Geld persönlich vorbei bringen. Daraus entsteht eine Ausflugsperspektive für mich, dazu später. Zufrieden verlassen wir das E-Werk, bringen den Techniksoldaten wieder zurück und fahren nach Debre Libanos. Dort lebt eine deutsche Bekannte von Frank, Anette. Sie betreibt ein Hotel, dort wollen wir uns Tipps bereiten lassen, Tipps sind kleingeschnittene Fleischstückchen, die mit Injera und Gewürzpulver genossen werden. Das Fleisch ist unglaublich zäh, aber was soll’s. Viel aufregender ist das Panorama, das sich von dem Hotel aus bietet. Debre Libanos liegt am Rand der Schlucht von  ???-Fluss, das Hotel auf der Kante. Der Blick ist einmalig. es geht geschätzte 800, 900 Meter in die Tiefe. Über und kreisen Milane, Geier und andere Raubvögel in der Thermik. Die Schlucht ist mehrere Kilometer breit und unten ist das Terrain in Terrassen für die Landwirtschaft bereitet. Eine einmalige Aussicht. Frank winkt mir ihm zu folgen, wir gehen lt. Schildern zur portugiesischen Brücke. Auch von hier aus ist der Blick grandios, allerdings ist Frank etwas enttäuscht, normalerweise halten sich dort Affen auf, Diesmal sind sie wohl weiter unten im Canyon, wie die Leute uns erzählen, dort sei derzeit das Nahrungsangebot besser. 
Wir kehren zurück zum Hotel, wo inzwischen Tibbs und Bier breitstehen. Dort treffen wir auch Annette, eine Deutsche, offensichtlich aus dem Schwabenländle – dem Dialekt nach zu urteilen. Wir plaudern ein wenig, sie ist froh, mal wieder mit Deutschen zu tun zu haben. Sie bestätigt meinen Verdacht, dass die Geschäfte, so es sie denn gibt, alles Mögliche verkaufen nur nicht das was benötigt wird. Frank erläutert mir später, dass Annette wegen der Liebe nach Äthiopien gegangen ist. Eben diese Liebe ist vor 8 Monaten gestorben. Der Schwager ist wohl irgend so ein Regionsgouverneur und will nun an diese Hinterlassenschaft heran, das Hotel ist lukrativ, das will er sich unter den Nagel reißen. Also hat Annette wohl derzeit einen ziemlich schweren Stand. Vor einiger Zeit sind vor dem Hotel Handgranaten hoch gegangen – ein Schelm wer schlimmes denkt…
Wir verabschieden uns und versprechen am Dienstag mit verschiedenen Sachen wieder zu kommen, so wird das Programm für den erneuten Fiche-Besuch runder, Frank schlägt vor, dann an dem Dienstag auch weiter raus bis zur Schlucht des blauen Nil zu fahren. Er ist selber auch noch nicht da gewesen und ihn interessiert das auch. Das wäre toll!
Wir fahren ziemlich zügig nach Addis Abeba zurück, dennoch mache ich überall während der Fahrt wie schon auf der Hinfahrt jede Menge Fotos, 280 Stück an dem Tag.  In Addis Abeba verabschieden wir den Architekt, kommen hervorragend vor der Rush hour durch die Stadt durch und können den Feierabend gut bei einem Herbert Grönemeyer-Konzert auf der Leinwand genießen. 

04.12.2013 - Addis Abeba, östliche Innenstadt

Gegen 09:45 breche ich mit Melkamu auf, um mit Hilfe des hinlänglich bekannten öffentlichen Personennahverkehrs (Minibus) Richtung Airport Bole zu fahren und von da aus das östliche Stadtzentrum zu erkunden. Erster Anlaufpunkt ist eine der großen orthodoxen Kirchen in Addis Abeba. Hier kann man auch mal ohne Eintritt rein, innen ist sie mit bunten Gemälden zur Jesusgeschichte ausgeschmückt, die Fenster sind ebenfalls sehr bunt. Wir bleiben einen Moment an diesem ruhigen Ort, danach gehen wir weiter in das Geschäftszentrum. Es lässt sich erahnen, dass dort mal richtig viele Hotels stehen werden. Auch jetzt sind es schon sehr viele Hotels von internationalem Rang, der Rest ist im Bau. Keine Ahnung wer die am Ende alle besucht. Ich denke der Bedarf wird da sein, vor allem wenn die African Union hier tagt. Auch an die 120 Botschaften könnten einen gewissen Bedarf erzeugen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur ein Muss für Hotelketten in der Stadt, in der die Afrikanische Union ihren Sitz hat, vertreten zu sein?  Es wäre alles schön und gut wenn der Platz zwischen den Gebäuden irgendwie etwas Ordentliches ausstrahlen würde. Aber alles ist verstaubt, es gibt jede Menge Baustellen, da ist nichts gewachsen oder schön. Sehr bekannt ist das zwischen all den Hotels befindliche Deutsche Biergarden. Die Deutschen, die das Restaurant mal betrieben haben, sind aber längst wieder in der kalten Heimat, die Geschäfte liefen wahrscheinlich nicht so gut. Jetzt betreiben Äthiopier das Ding. Ein ägyptisch aussehender Mann nimmt die Bestellung auf. Danach kann sich keiner entscheiden das Bier zu zapfen, so warte ich halbe Ewigkeiten auf ein Bier – im Biergarden!! Die Speisekarte enthält Käsespätzle, ½ Hähnchen, Jägerschnitzel. Irgendwie spaßig und vom internationalen Publikum auch angenommen.
Ein Stück weiter kommen wir auf die Bole Road, wieder: Hotels gepaart mit Baustellen und Shopping Malls. Zu den Shopping Malls: Das ist eine Ansammlung relativ kleiner Geschäfte mit einem begrenzten Angebot. Angesichts der Tatsache, dass Mittwoch mittags da nichts, aber auch rein gar nichts los ist, stellt sich mir schon die Frage: Wie sollen die Geschäfte jemals Umsatz machen?? Wie können die sich halten??? Die Etnamall, so hoch gelobt ist im Prinzip ein Kino mit ein paar wenigen Geschäften drumrum, völlig unattraktiv. Da ist die gegenüberliegende Mall besser. Aber: Nix los!!! Ich verliere die Lust angesichts so unappetitlicher Einkaufsgegenden voller Staub und Chaos. Es geht wieder mit Minibus und Linienbus nach Hause.

Dienstag, 3. Dezember 2013

03.12.2013 - Ruhetag

Aufstehen, frühstücken, Lesen, Mittag essen, schlafen, ein wenig quatschen. Gleich kommt Abendessen, quatschen schlafen. Nix Aufregendes heute. Kann ja auch nicht immer Vollgas weitergehen… Aber die Planung für die kommenden tage ist viel versprechend!!!

Montag, 2. Dezember 2013

30.11.2013, Ausflug nach Washa Mikael


Der heutige Tag begann zunächst ungewiss. Der Plan war, auf den Botschaftsempfang zu gehen. Alle Botschaften, die in Addis Abeba ansässig sind – 120 Stück! – veranstalten ein Fest, bei dem die verschiedenen Länder sich präsentieren. Gegen 11 Uhr erfahren wir jedoch von jemandem, der dort Arbeitseinsatz hat: Riesenandrang! Mindestens 1 Stunde Parkplatzsuche, Sicherheitskontrolle, so viel los dass man eh nix mitkriegt. Also blasen wir den Plan ab und ich beschließe mir die Washa Mikael anzuschauen. Washa Mikael ist eine leider schon zerfallene Felsenkirche im Nordosten von Addis Abeba. Frank bestellt mir einen Fahrer, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man eh nicht dort hin. Irgendwann biegen wir von der Hauptstraße ab da wird die Straße schlechter: Erst Kopfsteinpflaster, dann Baustellenstraße, dann einfach nur noch wildes Terrain. Irgendwann kann der Toyota - PKW nicht mehr und wir müssen zu Fuß weiter in der Hoffnung den Wagen auch wieder zu finden. Ähnlich wie auch auf dem Entoto treffen wir hier und da Menschen, die im Wald nach Eukalyptusblättern und Zweigen suchen um sie als Brennstoff zu verkaufen. Wir fragen sie nach dem Weg, immer wieder das gleiche Zeichen: Weiter den Berg rauf. Irgendwann verlassen wir den Eukalyptuswald und kommen auf eine Wiese, die sich leicht geschwungen in die Eukalyptuslandschaft einfügt. Die Sonne scheint wunderbar und macht aus der Wiese einen schönen Ort. In der Ferne steht eine Herde Kühe, sie werden von Kindern gehütet. Zur rechten ist der Eingang zur Washa Mikael. Ein alter Mann bewacht das Ganze und bedeutet mir mein Geld in eine Kiste zu werfen. Zu sehen ist eine in Betrieb befindliche Kirche, ein paar kleine Gebäude, aber nicht das was ich eigentlich erwartet habe. Nach ein wenig Suchen sehe ich ziemlich am anderen Ende ein Schild und eines dieser typischen Sichtblocker aus Wellblech. Wir gehen hindurch und treffen gleich auf die Felsenkirche. Der Information nach soll sie über 1300 Jahre alt sein. Mein Reiseführer datiert die Kirche lt. Historikern eher in das 12. Jahrhundert. Egal, in jedem Fall ist das eindrucksvoll, die Kirche ist aus einem Stück Fels gehauen. Da sie leider zerfallen ist, trifft man nach dem Eingang zunächst auf einen Steinhaufen um dann weiter hinten die als kleine Grotten erkennbaren Kapellen zu sehen. Auf eine Zeichnung am Infostand kann man sehen, dass hinter dem Eingang früher wohl zwei Säulenreihen standen und dahinter eben jene Kapellen. Hier und da sind einige Inschriften zu sehen, einige alt, einige sicher erst aus neuerer Zeit. Ich kletterte hier und da hin um die Kapelle aus allen Winkeln gesehen zu haben. Dabei stelle ich mir vor wie die Menschen wohl 700 bzw. 1200 n. Chr. Ein solches Werk geschaffen haben mögen und wie viele Jahre sie wohl geschuftet haben. Vor allem: So ein Ding entsteht von oben nach unten, man muss also schon zu Beginn des Bauvorhabens eine exakte Vorstellung vom späteren Werk haben. Als letzte Information lese ich noch, dass die Kirche wohl bis 1878 in Betrieb gewesen sein soll bevor der Bauzustand keinen gefahrlosen Aufenthalt mehr zuließ. Ob die Kirche nun von selbst eingefallen oder bei einem Äthiopisch Italienischen Krieg Schaden genommen hat ist nicht restlos geklärt.

Wir machen uns auf den Rückweg, den gleichen Weg wie hin. Hier und da treffen wir wieder Menschen, z.B. einen Jungen der oben bei den Kühen Milch geholt hat und nun nach unten bringt.
Am Auto wieder angekommen fragt der Fahrer immer wieder nach dem besten Weg runter nach Addis Abeba. Die Leute schicken einen den ihrer Meinung nach besten Weg nach unten. Da die Leute aber ggf. nie Auto gefahren sind ist denen nicht bewusst, dass sie einen Weg beschreiben sollten, der vielleicht mit dem Auto befahrbar ist. So werden wir über die Großbaustelle einer Umgehungsstraße gelotst. Dort fuhrwerkeln normalerweise LKWs herum. Da die letzte Regenzeit noch nicht allzu lange her ist, sind die Spurrillen nicht ohne… Rechts und links leben die Menschen in Wellblechhütten und es lässt sich erahnen dass auf der Trasse der neuen Straße wohl auch mal solche Hütten gestanden haben. Die Bewohner haben vermutlich Pech gehabt, vielleicht haben sie die Bagger anrollen sehen und noch einiges von ihrem Hab und Gut retten können. Auffällig ist, dass trotz dieses Baustellenlebens die Frauen trotzdem versuchen sich hübsch zu machen, vielen gelingt das sogar ziemlich gut.
Da der Fahrer englisch kann, erfahre ich, wo der Präsident und der Prime Minister wohnen, welche Ministerien – z.B. das Verteidigungsministerium - wo sind, und einiges anderes mehr. Er möchte auch einiges über Deutschland wissen, Autos sind wohl sein Hobby.
Am Ende bin ich sehr froh, diesen Ausflug gemacht zu haben. Der Fahrer und sein Taxi kosten 500 Birr, 20 € für 4 Stunden intensiv-Begleitung und Auto inkl. Sprit.